{"id":202,"date":"2025-03-19T18:53:30","date_gmt":"2025-03-19T17:53:30","guid":{"rendered":"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/?post_type=kollektiv&#038;p=202"},"modified":"2025-04-19T02:23:13","modified_gmt":"2025-04-19T00:23:13","slug":"gruppe-ratgeb","status":"publish","type":"kollektiv","link":"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/en\/kollektiv\/gruppe-ratgeb\/","title":{"rendered":"GRUPPE RATGEB"},"content":{"rendered":"<p>Werner Brunner geh\u00f6rt zur ersten Generation von Wandbildmaler*innen in Berlin. Als ehemaliges Mitglied der Gruppe Ratgeb (1977-1985) begleitet er seit Mitte der 1970er Jahre stadtpolitische Proteste mit Kunst und Intervention im \u00f6ffentlichen Raum.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"679\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357-679x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2689\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357-679x1024.webp 679w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357-199x300.webp 199w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357-768x1158.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357-1018x1536.webp 1018w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357-8x12.webp 8w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/01_Ratgeb_0357.webp 1326w\" sizes=\"(max-width: 679px) 100vw, 679px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"interview\">Interview<\/p>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Werner Brunner (Ex-Ratgeb)<\/summary>\n<p>Aufgenommen am 29.10.2014<\/p>\n\n\n\n<p>Interview mit Werner Brunner in seinem Atelier in der Oranienstra\u00dfe in Berlin-Kreuzberg, in dem er von der Hochphase der Hausbesetzer-Bewegung Anfang der 1980er bis letzten Winter 2014 arbeitete. Einige Wochen nach diesem Interview musste Werner Brunner Kreuzberg verlassen \u2013 Mit der Aussicht auf das Vertragsende f\u00fcr das Atelier, hatte f\u00fcr ihn dieser Ort nach \u00fcber 30 Jahren keine Perspektive mehr. Wir sprachen mit ihm \u00fcber Hausbesetzungen, vier Jahrzehnte Urban Art und die Rolle der Kunst in politischen Auseinandersetzungen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"679\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344-1024x679.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2697\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344-1024x679.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344-300x199.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344-768x509.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344-1536x1018.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/34_Ratgeb_0344.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Mit der Gruppe Ratgeb und als Teil der Hausbesetzer-Bewegung warst Du an zahlreichen politischen Fassadenmalereien in Berlin beteiligt. Die Partei \u201eDie Gr\u00fcnen\u201c, die sich Anfang der 1980er Jahre selbst noch als Teil dieser Bewegung verstand, setzt sich heute daf\u00fcr ein, einige dieser Wandbilder unter Denkmalschutz zu stellen. Wie bewertest Du diese Entwicklung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es interessant, dass diese Frage dadurch auf die politische Ebene gebracht wird. Denn das ist etwas, womit die K\u00fcnstler nicht alleine gelassen werden sollten. Viele Wandbilder sind zeitbegrenzt. Es wird gebaut, Brandw\u00e4nde werden verschwinden. Das kann man nie ganz verhindern. Aber man muss das Thema auf die gro\u00dfe B\u00fchne bringen, damit beim Bau auch immer die soziale Frage gestellt wird. Zurzeit wird haupts\u00e4chlich das Luxussegment bedient, wie das gerade auf der Cuvrybrache (Cuvrystra\u00dfe\/Schlesische Stra\u00dfe) in Kreuzberg passiert. Und da kann ich es nicht guthei\u00dfen, wenn mit den bemalten Brandw\u00e4nden dort auch ein k\u00fcnstlerisches Symbol vernichtet wird, das ich sehr spannend finde. Wenn Berlin sein Image als Stadt ernst nimmt, sollten diese W\u00e4nde gerettet werden. Wenn gebaut wird, dann bitte so, dass die W\u00e4nde erhalten und einsehbar bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist das Cuvrystra\u00dfen-Wandbild eines der herausragendsten in Berlin und man m\u00fcsste genauso f\u00fcr den Erhalt k\u00e4mpfen, wie in den 1980er Jahren f\u00fcr das Wandbild am besetzten KuKuck (Kunst-und Kulturzentrum Kreuzberg) am Anhalter Bahnhof gek\u00e4mpft wurde (Anmerkung: Nur wenige Wochen nach diesem Interview hat der K\u00fcnstler BLU sein eigenes Wandbild an der Cuvrybrache schwarz \u00fcbermalen lassen. Der n\u00e4chtlichen Aktion folgte die Erkl\u00e4rung, dass sein Werk nicht als Kulisse f\u00fcr Luxusimmobilien herhalten solle). Es gab damals eine breite Initiative zur Rettung der Bilder. Selbst das Denkmalschutzamt hat sich eingesetzt. F\u00fcr die damalige politische Generation, die der Hausbesetzungen, war es das bedeutendste seiner Zeit. Es h\u00e4tte dringend als Zeitdokument erhalten bleiben m\u00fcssen \u2013 und zwar nicht als Foto, sondern als wirkliche Wand. Das hat man nicht geschafft. Der damalige CDU-Innensenator Lummer hatte alles daran gesetzt, dass die Zeichen der Hausbesetzungen verschwinden. Die besetzten H\u00e4user hat er r\u00e4umen lassen und ganz schnell Investoren gefunden, die sie z\u00fcgig sanierten. Von Seiten der Politik und Immobilienwirtschaft gab es eine breite Kampagne gegen die Hausbesetzerbewegung. Die Wandbilder waren somit nicht zu retten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Habt ihr Eure Kunst als politische Arbeit verstanden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So wie wir gearbeitet haben, war das immer politisch. Wir waren bei den meisten politischen Aktionen dabei und \u00fcberhaupt verstanden wir uns als politische K\u00fcnstler. Schon unser Name &#8222;ratgeb&#8220; sollte das ausdr\u00fccken. Ratgeb war damals kaum bekannt, er war ein Zeitgenosse Albrecht D\u00fcrers, der sich auf die Seite der Bauernk\u00e4mpfe gestellt hat und daf\u00fcr sp\u00e4ter gevierteilt wurde. Er hat f\u00fcr die Karmeliterkl\u00f6ster gearbeitet, hat gro\u00dfe Wandbilder gemalt \u2013 in Frankfurt gibt es noch das Karmeliterkloster. Seine Malerei hat immer politische Signale gesetzt. Den fanden wir interessant. Damals waren es 450 Jahre Bauernkrieg, dadurch sind wir ihm als politischem K\u00fcnstler n\u00e4her gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gruppe haben wir uns so verstanden, dass wir vor Ort gemeinsam mit der lokalen Bev\u00f6lkerung arbeiten, bzw. mit den Instandbesetzern, die in den H\u00e4usern wohnten. Also mit den Leuten zusammen die Projekte entwickeln, die von ihnen betroffen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem \u201eWeltbaum\u201c von Ben Wagin haben wir das zweite gro\u00dfe Wandbild in Berlin gemacht \u2013 in der Pritzwalker Stra\u00dfe 16 in Moabit. Das war ein Sanierungsgebiet und wir haben mit dem Sanierungsbetroffenen-Rat zusammengearbeitet und mit ihm die Themen entwickelt. Von daher waren das keine origin\u00e4r k\u00fcnstlerischen Entw\u00fcrfe, sondern Wandbilder, die in Zusammenarbeit entstanden sind. Es sollte ein Symbol f\u00fcr Sanierung entstehen. \u201eSanieren\u201c hei\u00dft vom Wort her ja eigentlich &#8222;gesundmachen&#8220; \u2013 und das haben wir dort ausgedr\u00fcckt. Mit unserer Arbeitsweise sind wir dann sowohl bei Architekten und Hausbesitzern bekannt geworden als auch in der politischen Szene, d.h. der Anti-AKW-(Anti-Atomkraft-) und der aufkommenden Hausinstandbesetzungs-Bewegung. So sind wir da reingewachsen. Uns war es ein pers\u00f6nliches Anliegen. Wir hatten Auftragsarbeiten, die gut bezahlt waren, und konnten daf\u00fcr kostenlos unsere anderen Sachen machen, z.B. die Instandbesetzungen unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"672\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck-672x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2695\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck-672x1024.webp 672w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck-197x300.webp 197w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck-768x1170.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck-1008x1536.webp 1008w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck-8x12.webp 8w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/32_ratgeb_hausinstandbesetzung_kuckuck.webp 1313w\" sizes=\"(max-width: 672px) 100vw, 672px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Leider haben wir kein so starkes Wandbild wie die KuKuck-Fassade geschaffen, weil wir uns als Kollektiv in unseren Entscheidungsprozessen ein bisschen gegenseitig gehemmt haben. Aber wir haben ein paar wichtige Arbeiten gemacht. In der Waldemarstra\u00dfe gibt es noch das Fassadenbild an einem von Motorradfahrern besetzten Haus. Dann gab es in Charlottenburg die Nehringstra\u00dfe, das leider nach Auffasung des Landeskonservators f\u00fcr Denkmalpflege ein \u201edr\u00e4uendes Ungeheuer\u201c war und in Schlo\u00dfn\u00e4he nicht sein durfte. &nbsp;Bei der Fassadenbemalung am Tommy-Weisbecker-Haus habe ich mit den Jugendlichen zusammengearbeitet, da ging es aber nicht um meinen eigenen Entwurf. Der Hausbewohner Andi, der leider schon gestorben ist, hatte tolle Entwurfsideen. Ich hatte die Jugendlichen nur so lange betreut, bis sie die Entw\u00fcrfe selbstst\u00e4ndig umsetzen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben auch einige kleinere illegale Wandbilder zu Haus-Instandbesetzungen und zu Anti-AKW gemacht. Von politischen Aktivisten wurden wir vor solchen Aktionen um Rat gefragt, wenn sie eine Wand bespielen wollten, aber nicht wussten wie. Wir haben ihnen das gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Demonstrationen haben wir Transparente gemalt, z.B. zu Gorleben-Demonstrationen. Es gab Druckaktionen mit t\u00fcrgro\u00dfen Linolschnitten auf der Bundesgartenschau in Bonn, wo jeder sein Bildmotiv reinschneiden konnte und am Abend haben wir die Platten abgedruckt und aufgeh\u00e4ngt. F\u00fcr die Wandbilder haben wir gro\u00dfe Modelle gebaut, im Stadtkiez aufgestellt und mit den Leuten dar\u00fcber geredet, lauter so Sachen&#8230; Als Vermummung auf Demonstrationen verboten wurde, haben wir uns demonstrativ in der \u00d6ffentlichkeit vermummt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403-1024x681.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2707\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403-1024x681.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403-300x200.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403-768x511.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403-1536x1021.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/05_Ratgeb_0403.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Gab es einen bestimmten Anlass aus dem Ihr Euch als Kollektiv zusammengeschlossen habt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Mitglieder von Ratgeb waren gr\u00f6\u00dftenteils politisch unterwegs. 1977 haben wir uns zusammengetan, da war die H\u00e4userbewegung politisch schon auf der B\u00fchne und wir sind schnell in Kontakt gekommen. Ich kam sowieso aus einer politischen Szene und war schon als Architekt und Stadtplaner sehr erfreut, dass da eine Bewegung entsteht und war in dieser aktiv. Das Bethanien-Geb\u00e4ude z.B. sollte abgerissen werden, es gab eine starke Kampagne dagegen, dann war es ein leerstehendes Krankenhaus&#8230; In dieser Bewegung war ich schon damals aktiv, etwa 1974, und ich war immer in der N\u00e4he dieser Bewegungen. Und damit sehr schnell auch k\u00fcnstlerisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Anfang waren wir zu f\u00fcnft, vier akademische K\u00fcnstler (die also Kunst studiert hatten) und ich. Ich kam von der Architektur und der Stadtplanung und war damit der Autodidakt in der Gruppe. Wir lernten uns auf der Freien Berliner Kunstausstellung FBK kennen, zum Teil im Berufsverband f\u00fcr bildende K\u00fcnstler, und haben schnell unsere gemeinsamen Interessen entdeckt, die wir in den Verb\u00e4nden versucht haben interessant zu machen. Und wir hatten schnell einen Auftrag bzw. Kontakt f\u00fcr ein Wandbild. Das war f\u00fcr uns der Start in die Wandmalerei. Interessiert hat uns das als K\u00fcnstler sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum habt ihr Euch f\u00fcr Wandbilder als Ausdrucksmittel entschieden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit war reif in Berlin f\u00fcr solche Sachen. Die Stadt war zum Teil zerrissen und zerst\u00f6rt. Auch durch Siedlungs- und Verkehrsplanung sind viele Brandw\u00e4nde freigesetzt worden. Es gab zwei gro\u00dfe Ausstellungen, die uns inspiriert hatten \u2013 eine zu mexikanischer Wandmalerei, dann eine zu Street Art in den USA. Zu der Zeit gab es schon politische Graffiti, illegale Bilder an erreichbaren W\u00e4nden, an Geb\u00e4udetrennw\u00e4nden oder im unteren Bereich von Brandw\u00e4nden, an Haust\u00fcren&#8230; Es ist viel gemalt worden, in erreichbarer H\u00f6he, manchmal mit Leiter dann drei Meter hoch. Das gab es im Anti-AKW-Bereich, im Instandbesetzer-Bereich, das gab es fr\u00fcher schon wegen Vietnam, im Zusammenhang mit Anti-Reagan-Demonstrationen ( damaliger US-Pr\u00e4sident, Anm.)\u2026 Aber eher kleinere Projekte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dferen Brandw\u00e4nde haben dann K\u00fcnstler gemalt, die so wie wir diesen Raum gesucht haben, weil Wandmalereien f\u00fcr uns die \u00f6ffentlichste und demokratischste Form der Kunst waren. Mehr als die Kunst, die in Ateliers entsteht \u2013 in der Hoffnung, dass sich ein Galerist findet oder sowas. Wir haben den \u00f6ffentlichen Raum gesucht, das war unser Anliegen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"685\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074-1024x685.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2690\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074-1024x685.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074-300x201.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074-768x513.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074-1536x1027.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/12_Ratgeb_0074.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Du hast bereits erw\u00e4hnt, dass es au\u00dferhalb Europas schon politische Murals gab. Hattet ihr Kontakte zu anderen k\u00fcnstlerisch arbeitenden Gruppen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Durch unsere Pr\u00e4senz kannten uns viele, wir hatten gute Kontakte nach Chicago, Holland, Frankreich, von dort haben wir \u00f6fters Besuch von anderen K\u00fcnstlern bekommen. Nach Frankreich wurden wir zum Malen eingeladen. Zur 1000-Jahr-Feier von Montpellier wurden wir eingeladen dort eine Aktion zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Irland gab es eine sehr politische Wandbilder-Bewegung, von denen war mal jemand hier zu Besuch. Aus Dresden gab es eine K\u00fcnstlergruppe, die Kontakt zu uns aufgebaut, aber daraus ist nichts geworden, vielleicht gab es Probleme mit den DDR-Beh\u00f6rden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Habt Ihr Erfahrung mit Zensur oder Kriminalisierung Eurer Arbeit gemacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Senat und die Polizei haben immer wieder versucht, unangenehme Bilder zu verhindern oder zu zerst\u00f6ren. Aber manche schnell in der Nacht angefertigte Bilder waren dann halt da und wurden gelassen. Von der Polizei gab es einen Trupp, der mit Farbe und Pinsel durch die Stra\u00dfen gezogen ist und Bilder \u00fcberstrichen hat, die nicht gepasst haben. Manchmal haben sie genauso Transparente von den H\u00e4usern weggenommen. Am Winterfeldtplatz gab es eine gro\u00dfe Brandwand mit dem Spruch &#8222;Die Stadt stirbt abrissweise&#8220;. Kurz darauf kam die Polizei und hat vom Dach aus wei\u00dfe Farbe \u00fcber die Fassade gegossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal hat der Landeskonservator bei Bildern Einspruch erhoben, dass das in diesem Gebiet nicht sein darf. Das besetzte Haus in der Nehringstra\u00dfe hatten wir damals aus den Fenstern heraus bemalt. Als das Haus legalisiert wurde, wollten die Bewohner*innen den Putz erneuern lassen. Wir sollten das Haus sp\u00e4ter neu bemalen, diesmal richtig mit Ger\u00fcst. Aber der Landeskonservator hat das dann unterbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Richardstra\u00dfe 98 gab es das Problem, dass die Debatte um das Fassadenbild ewig verschleppt wurde. Der Baustadtrat wollte das nicht richtig, die Hausbesitzerin wollte das. Am Anfang sollten wir die ganze breite Brandwand machen, aber dann haben wir auf die linke Seite einen Bausenator gemalt, der mit Baukl\u00f6tzen jongliert. Das passte dem Bezirksamt nicht und sollte weg. Im Laufe der ganzen Diskussion war dann das Geld nicht mehr da, das schon bewilligt war. Dann ist nochmal Geld rangeschafft worden, aber weniger und es reichte nur noch f\u00fcr die rechte H\u00e4lfte der Wand.<\/p>\n\n\n\n<p>Als wir die fertig gemalt haben, gab es wieder \u00c4rger, weil wir einem Jugendlichen im Bild ein Hausbesetzer-Zeichen auf den R\u00fccken gemalt haben. Auf die Tuba, die ein B\u00f6hme im Bild bl\u00e4st, haben wir ein Anti-AKW-Zeichen gesetzt. Das hat der Baustadtrat von Neuk\u00f6lln nicht gewollt. Weil wir nicht entwurfsgerecht gearbeitet h\u00e4tten, sollten wir das Honorar nicht ausgezahlt bekommen. Sowohl die Hausbesitzerin als auch der Bund der Deutschen Kunsterzieher hat sich gegen ihn verwehrt, sogar im Nachrichtenmagazin Stern wurde der Fall thematisiert. Monate sp\u00e4ter bekamen wir doch noch unser Geld.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-scaled.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"675\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-675x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2717\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-675x1024.webp 675w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-198x300.webp 198w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-768x1165.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-1013x1536.webp 1013w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-1350x2048.webp 1350w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-8x12.webp 8w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/30_brunner_03-scaled.webp 1688w\" sizes=\"(max-width: 675px) 100vw, 675px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was war die Idee hinter dem Wandbild in der Richardstra\u00dfe?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild zeigt die Geschichte der hussitischen B\u00f6hmen, die um 1730 ihr Land verlassen mu\u00dften weil sie sich weigerten katholisch zu werden. Friedrich Wilhelm der Erste siedelte sie in dem heutigen Stadtteil Neuk\u00f6lln-Rixdorf an, auch weil er Handwerker und Bauern gut gebrauchen konnte. &nbsp;Die Br\u00fcdergemeine, die evangelische Kirchengemeinde der hussitischen B\u00f6hmen, war daran interessiert diese Geschichte zu zeigen und auch mit alten Berliner-B\u00f6hmen haben wir dar\u00fcber gesprochen, und dann haben wir mehrere Entw\u00fcrfe gemacht. Der erste Entwurf bezog sich auf das Lied &#8222;In Rixdorf spielt Musieke, da tanzt die fesche Rieke&#8220; \u2026 oder so ungef\u00e4hr, doch diese Idee ging uns nicht weit genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit ca. 400 Einladungen haben wir die Nachbarschaft zur Diskussion \u00fcber die Ideenentw\u00fcrfe f\u00fcr das Wandbild in die Br\u00fcdergemeine geladen. Mehrheitlich entwickelte sich der Wunsch, da\u00df die lokale Geschichte von den eingewanderten B\u00f6hmen bis heute an die Wand gebracht werden sollte. So entstand die Idee einer Theaterb\u00fchne mit Vorhang, auf der die alten B\u00f6hmen bis hin zu noch lebenden dargestellt sind. Bezugspunkt war f\u00fcr uns ein Denkmal, das es in der Gegend gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"689\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07-1024x689.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2701\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07-1024x689.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07-300x202.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07-768x516.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07-1536x1033.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/45_br07.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"621\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15-1024x621.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2700\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15-1024x621.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15-300x182.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15-768x465.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15-1536x931.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/44_br15.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr das Fassadenbild in der Waldemarstra\u00dfe 41 in Kreuzberg habt ihr mit Motorrad-Rockern zusammengearbeitet, die das Haus besetzt haben. Wie kam diese Verbindung zustande?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Rocker wollten damals die Fassade schwarz streichen. Aber die Waldemarstra\u00dfe war Gebiet der Altstadt-IBA, der Internationalen Bauausstellung f\u00fcr Altbausanierung und die wollten das nicht, weil man das den Gegen\u00fcberwohnenden nicht zumuten k\u00f6nne. Die IBA bat uns mit den Rockern zu reden und wir machten gemeinsam mit ihnen Entw\u00fcrfe. Einige der m\u00e4nnlichen Bewohner des Hauses wollten ein Pinupgirl auf einem Motorrad haben, \u00e4hnlich wie sie auf den Covern von manchen Biker-Magazinen zu sehen sind. Das wollten wir aber den Anwohnern wirklich nicht zumuten. Von den Frauen im Haus kam dann der Vorschlag stattdessen die motorradfahrende Oma aus dem Film &#8222;Harold und Maude&#8220; zu nehmen. Sp\u00e4ter fiel das Stichwort &#8222;Easy Rider&#8220; \u2013 mit dem Motorrad immer der Sonne entgegen. Aber in Berlin lebten wir ja in einer Stadt voller Mauern, sowohl in den Hinterh\u00f6fen als auch mit der Berliner Mauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemalt haben wir dann einen Dreiecksausschnitt mit wolkenbehangener Berliner Stadtansicht und einem Biker im Vordergrund, der sein Motorrad an einer dieser Mauern zu Bruch gefahren hat. Die Fassade war entdekoriert und glatt geputzt, so haben wir rechts vom Dreiecksausschnitt die Fassade so gelassen, wie sie ist und auf der linken Seite nach alten Pl\u00e4nen den Stuck draufgemalt. Am Ende waren alle zufrieden, das SternMagazin hat die Biker auf dem Dach des Hauses fotografiert und extra daf\u00fcr ein Motorrad hochgehievt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-670x1024.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"670\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-670x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2698\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-670x1024.webp 670w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-196x300.webp 196w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-768x1174.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-1005x1536.webp 1005w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr-8x12.webp 8w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/39_ratgeb_waldemarstr.webp 1308w\" sizes=\"(max-width: 670px) 100vw, 670px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Was ist aus der Gruppe Ratgeb geworden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach acht Jahren haben wir uns dann aufgel\u00f6st, weil wir gesehen haben, dass die Zeit reif ist uns individuell zu entwickeln. Wir haben festgestellt, dass wir uns im Kollektiv k\u00fcnstlerisch nicht weiterentwickeln. Wir waren immer zu sehr im Kollektiv eingebunden, die Art und Weise wie wir auf der Stra\u00dfe gearbeitet haben mit den &#8222;Betroffenen&#8220;. Wir konnten uns individuell nicht mehr richtig entfalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin dann alleine hier im Atelier geblieben, die anderen sind ausgezogen, wir haben uns friedlich getrennt. Ich hab dann andere Leute gesucht, in der damaligen HdK (Hochschule der K\u00fcnste, heute UdK; Anm. GA), und schon waren wir wieder zu viert, mit zweien von ihnen habe ich sogar noch zwei Wandbilder gemalt. Im K\u00fcnstlerhaus Bethanien haben wir gemeinsam eine Ausstellung gemacht. Aber ohne festes Gruppenkonzept trennt man sich schneller wieder. Alle haben eher f\u00fcr sich gearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gab es grunds\u00e4tzliche Reaktionen von Seiten der Stadt auf das neue Interesse an Wandmalereien?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Bausenator hat Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre eine Bewegung in Gang gesetzt, da gab es ein Ressort &#8222;Farbe im Stadtbild&#8220; und &#8222;Kunst im \u00f6ffentlichen Raum&#8220;. Da sind Ausschreibungen gemacht worden f\u00fcr Brandw\u00e4nde, ich glaube das waren damals 20 Brandw\u00e4nde in der Stadt. Daf\u00fcr ist ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, da hat man sich nat\u00fcrlich beteiligt und selten was gewonnen. Wir haben lieber auf Zuruf gearbeitet. Viele Brandw\u00e4nde sind damals durch diese Initiativen entstanden und sind entsprechend honoriert worden. Wir h\u00e4tten das auch gemacht, wenn wir h\u00e4tten machen k\u00f6nnen, was wir machen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Statements hatten hier nicht den Vorrang, sondern man arbeitete mit betroffenen Mietern oder mit Bewohnern der Gegend zusammen, mit dem Ziel Identit\u00e4t mit dem \u00f6ffentlichen Raum zu schaffen, auch unter Verwendung geschichtlicher Zitate. Hier konnte man Schulklassen vorbeif\u00fchren und sagen: &#8222;Seht ihr, das ist Neuk\u00f6lln&#8220;&#8230; Ganz harmlose Sachen. Richtig Politisches wurde hier nicht gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ratgeb hat eine Streitschrift gegen die Senatspolitik der offiziellen Wandmalerei ver\u00f6ffentlicht\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Senat hat Wettbewerbe ausgeschrieben, da gab es dann eine Jury aus Architekten, vielleicht Hausbesitzern und dem Berufsverband der Bildenden K\u00fcnstler und dem Senat, die den ersten, zweiten und dritten Platz bestimmten. Diese ganze Wettbewerbspraxis wollten wir \u2013 auch mit dem Berufsverband \u2013 \u00e4ndern, damit die Auftragsvergabe demokratisch geschieht und nicht von oben inszeniert wird. Wir wollten die Jury aus den Kiezen heraus bilden und den Wettbewerb von unten organisieren. Das war unser Ziel, aber wir konnten uns nicht durchsetzen, weil wir in diesem Punkt eine zu schwache Lobby hatten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"731\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER-731x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2716\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER-731x1024.webp 731w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER-214x300.webp 214w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER-768x1076.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER-1096x1536.webp 1096w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER-9x12.webp 9w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1981_Ratgeb-Haeuser-bemalen_COVER.webp 1225w\" sizes=\"(max-width: 731px) 100vw, 731px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Kann ein Fassadenbild auch Ausdruck von gesellschaftlichen Machtstrukturen sein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, zumindest, wenn man davon leben will, wenn man Auftr\u00e4ge haben will, die bezahlt werden sollen, dann hat das schon damit zu tun. Du brauchst eine Wohnungsbaugesellschaft, eine*n Hausbesitzer*in, die das gut findet, was du machst. Dann brauchst du einen Senat, der einen Geldtopf zur Versch\u00f6nerung der Stadt eingerichtet hat \u2013 oder wie jetzt einen zur Versch\u00f6nerung der Plattenbauten -, in den die Wohnbaugesellschaften investieren und dadurch Steuern sparen, weil sie ja Ausgaben machen, usw&#8230; Das hat uns nicht behagt und wir haben lieber \u00fcber unsere eigenen Kontakte einige Brandw\u00e4nde gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wandmalerei ist nach meiner Meinung sehr ins Dekorative abgedriftet, so viel Politisches sehe ich da nicht mehr. Das kommt dann eher von anderen Leuten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Woran arbeitest Du zur Zeit?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute arbeite ich eher auf Leinw\u00e4nden, aber es sind immer politische Inhalte. Ich beziehe mich stark auf Pressefotos, die ich verarbeite und umsetze. Wenn ich Ausstellungen mache, sind das immer Statements zu bestimmten Zeitph\u00e4nomenen. Ich bin kein rein dekorativer Maler, der sch\u00f6ne Bilder f\u00fcr die W\u00e4nde malt. Meine Bilder sind nicht f\u00fcr Wohnzimmer geeignet, sie brauchen einen anderen Kontext. Es kommt vor, dass ein politisches Bild von einem Museum eingekauft wird. Das Deutsche Historische Museum hat z.B. ein gro\u00dfes von mir gekauft oder das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, weil sie das als Zeitdokument sehen und brauchen. Das in Bonn bezieht sich auf ein Zitat aus der Oper Lohengrin von Richard Wagner, &#8222;Das deutsche Schwert gegen Ostens \u00d6dnis&#8220;. Nicht von ungef\u00e4hr war dies auch Hitlers Lieblingsoper. Mit dieser Oper hab ich mich auseinandergesetzt und zwei gegenl\u00e4ufige Bewegungen reingesetzt. Die eine ist der Russlandfeldzug Richtung Osten, wo uns der Stein, den wir geworfen haben, mit den Fl\u00fcchtlingsbewegungen aus dem Osten und den Stadtzerst\u00f6rungen auf die eigenen F\u00fc\u00dfe gefallen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe unterschiedliche Werksgruppen, die eine nannte sich &#8222;Nachkriegsbilder&#8220;&#8230; (zeigt mir eine Auswahl Bilder, holt sie St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck aus dem Regal und erkl\u00e4rt die Elemente und Symbole, Anm.), \u00fcber die B\u00f6rse&#8230; unterbezahlte N\u00e4her*nnen, ungerechte Verteilung&#8230; Skinheads&#8230; Eine Serie zu Fl\u00fcchtlingspolitik&#8230; Krieg\u2026 Heldengedenken in den USA\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wandmalerei betreffend komme ich langsam in das Alter wo man nicht mehr so gro\u00dfe Sachen macht, allerdings h\u00e4tte ich noch zwei gute Ideen f\u00fcr zwei gro\u00dfe Brandw\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"727\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365-1024x727.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2708\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365-1024x727.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365-300x213.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365-768x545.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365-1536x1091.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/07_Ratgeb_0365.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Graffiti wurde erst Mitte der 1980er auch in Deutschland zu einer Massenbewegung. Vorbild daf\u00fcr waren aber weniger die vorhandenen Wandmalereien, sondern Namensschriftz\u00fcge aus den USA. Wie hast Du die Anf\u00e4nge der Writing-Kultur erlebt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich fand das zum Teil ganz gut, aber mich hat es gest\u00f6rt, wenn keine R\u00fccksicht auf andere genommen wurde, z.B. wenn Stadtpl\u00e4ne oder die Fahrpl\u00e4ne an den Haltestellen \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel nicht mehr lesbar waren, weil \u00fcberall egomanische Tags gesetzt wurden. Das fand ich respektlos. Als &#8222;Ratgeb&#8220; haben wir eine Arbeit mit jugendlichen Strafgefangenen gemacht, deren Bilder dann v\u00f6llig \u00fcberspr\u00fcht wurden. Es gibt sicher viele h\u00e4ssliche Geb\u00e4ude an denen man was machen kann, aber dieses Unterschiedslose fand ich nicht gut. Aber es gab immer tolle Graffitis, die eine Bedeutung gesucht haben, manchmal auch an H\u00e4usern, um die ich es schade fand.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mit dem Aufkommen von Urban Art haben dann wieder vermehrt illustrative Werke massiv ins Stadtbild eingegriffen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df dar\u00fcber zu wenig um zu wissen, ob Street Art eine eigenst\u00e4ndige Entwicklung ist oder ob es einen R\u00fcckbezug zu den fr\u00fcheren Wandmalereien gibt. Es gibt \u00f6ffentliche Wandmalereien schon lange in vielen Teilen Europas, aber sicher waren die fr\u00fcher anders motiviert. Sicher nicht mehr in diesem engen politischen Rahmen von Sanierungsgebieten, Stadterneuerungsbewegungen, wo wir in den Debatten mit drin steckten. Heute ist Street Art vielleicht mehr in einer engeren Szene, man macht es einfach spontan und illegal. Da gibt es tolle Sachen und es imponiert mir sehr, was ich immer wieder sehe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Inzwischen haben auch professionelle Werbeagenturen Hausw\u00e4nde als Werbefl\u00e4chen wiederentdeckt\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was mich in letzter Zeit wirklich aufgeregt hat: es gab in der Warschauer Str. 7 \u2013 Friedrichshain eine gro\u00dfe Brandwandmalerei von Lutz Brandt aus der DDR-Zeit. Aufgestapelte bunte Baukl\u00f6tze im Wandbild nahmen die wirklichen horizontalen Linien des angrenzenden Geb\u00e4udes auf und setzten sie im Bild fort. Emp\u00f6rend finde ich, da\u00df dieses herausragende Wandbild nun zugunsten einer Werbung schwarz \u00fcberstrichen wurde. Andernorts l\u00e4\u00dft man einfach hohe B\u00e4ume wachsen \u2013 sowas darf man nicht machen! Das hat sich seit den 1970er Jahren bis heute gehalten, vielleicht war es nicht so politisch und eher funktionalistisch, aber das f\u00fcr Werbung zu opfern&#8230; Wahrscheinlich wegen der Hausbesitzer, die an der Werbung Geld verdienen.<br><br>Wir haben mehrere Wandbilder mit &#8222;Ratgeb\u201c nicht machen k\u00f6nnen, weil der Hausbesitzer pl\u00f6tzlich auf die Idee kam, dass er mit Werbung Geld verdienen k\u00f6nne \u2013 und unsere Arbeit w\u00fcrde ihn sogar was kosten. Auf der Hermannstra\u00dfe in Neuk\u00f6lln wollte ich eine Fassade malen, aber es hie\u00df gleich, dass die Werbung, die dort h\u00e4ngt, in jedem Fall dranbleiben mu\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit sind viele Wandbilder in Berlin zu sehen, wof\u00fcr Sportartikelhersteller offensichtlich K\u00fcnstler beauftragt haben diese zu malen. Es sind zum Teil ganz gelungene Wandbilder, aber sie stehen sehr eng im Auftragskontext der Firmen, die da werben. In Hohensch\u00f6nhausen hat eine Wohnungsbaugesellschaft f\u00fcr ihre Plattenbauten ganz bewusst K\u00fcnstler ausgesucht, die eine Auff\u00e4lligkeit erzeugen und das Image der Wohngegend aufbessern k\u00f6nnen, die die Mieter zufrieden machen und den Wohnwert damit steigern helfen. Das sind h\u00e4ufig sehr effekthafte Wandbilder, auch von den Street Art-K\u00fcnstlern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tragen K\u00fcnstler*innen Verantwortung in der Stadtentwicklung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, schon. Einige Street Art-Werke finde ich wirklich toll, einige sind sehr frei und setzen ganz eigene Nachdenklichkeiten in Szene. Wo man nicht soviel fragt, ob das passt, oder etwas mit dem Kiez zu tun hat, oder was die betroffenen Mieter gegen\u00fcber denken, die da 10 Jahre draufschauen m\u00fcssen. Diese Offenheit finde ich gut und da entstehen tolle unbefangene Arbeiten, die dann auch eine Auff\u00e4lligkeit erzeugen, sodass das Tourismus-Marketing davon profitiert. Auch der Senat hat erkannt, dass das ein starker Image-Gewinn f\u00fcr die Stadt ist. Diese monumentalen Bilder sind in jeden Fall eine Bereicherung f\u00fcr die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alles mu\u00df politisiert werden, aber was ich mir schon w\u00fcnsche, ist, dass man von dieser bonbonhaften Dekorationsmalerei wegkommt und dass es auch erlaubt sein muss, ein Ger\u00fcst aufzubauen, um ein politisches Statement zu machen. Meinetwegen zur Gentrifizierung, hierzu gibt es ja Grund genug, das auf W\u00e4nden auszudr\u00fccken. Die Umwandlung eines Kiezes bedeutet f\u00fcr Menschen, die da ausziehen m\u00fcssen, um den Platz f\u00fcr gehobenere Mieterschichten freizur\u00e4umen, Verlust an Heimat und gewachsener Vernetzungen. Sowas kann man ja auch bildhaft machen. Ich f\u00e4nde es gut, wenn es eine offizielle Basis daf\u00fcr geben w\u00fcrde, dass man auch mal einen Skylift hinstellen kann f\u00fcr eine l\u00e4ngerfristige Wandbemalung solcher Themen. Bilder dieser Art kann man nicht so leicht auf die Schnelle illegal machen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"678\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05-678x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2696\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05-678x1024.webp 678w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05-199x300.webp 199w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05-768x1159.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05-1018x1536.webp 1018w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05-8x12.webp 8w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/33_brunner_05.webp 1325w\" sizes=\"(max-width: 678px) 100vw, 678px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Ist Urban Art nicht \u00f6fters selbst Teil dieser Aufwertung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde es wichtig, dass es K\u00fcnstler gibt, die nicht nur Effekte machen, sondern auch Statements schaffen k\u00f6nnen. Ich war wegen der Brandwand an der Flughafenstra\u00dfe\/Hermannstra\u00dfe beim Stadtplanungsamt Neuk\u00f6lln, die fanden die Idee ganz toll, weil da der gest\u00f6rte Stadtraum, der an dieser Kreuzung existiert, aufgewertet w\u00fcrde. Das Quartiermanagement fand die Idee auch gut, aber die hatten Angst, dass die Bemalung den Kiez aufwertet, ihn dadurch attraktiv macht f\u00fcr die Gentrifizierung. Dann ziehen immer mehr dort hin, dann wird spekuliert, dann kommt das Immobilienmarketing&#8230; Da gibt es sicher einen Zusammenhang. Insofern muss man sich als K\u00fcnstler fragen, ob Kunst wirklich noch frei sein kann, wenn man durch seine k\u00fcnstlerische Arbeit in den Kontext der Gentrifizierungshilfe ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siehst Du M\u00f6glichkeiten, sich als K\u00fcnstler*in der Verwertung durch Stadtmarketing usw. zu entziehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es sollte jeder Versuch unternommen werden, dass man das umgehen kann. Dass man eine List findet, an die W\u00e4nde auch Aussagen zu bringen, die diesen Zusammenhang deutlich aufzeigen k\u00f6nnen. Wo K\u00fcnstler sind, da kommt die Szene, die Szene macht einen Kiez lebendig, leerstehende R\u00e4ume werden wiederbelebt&#8230; Dann kommt der Immobilienmarkt, der wittert, dass sich hier ein hippes Stadtquartier entwickelt, und er hier Profit daraus schlagen kann. In f\u00fcnf oder zehn Jahren ist der Kiez dann so langweilig wie in Wilmersdorf. Oder es gibt junge Leute, die es schaffen, ihn nett zu beleben. Aber die Bewohnerschaft und der Kiez wird sich wandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Was da die K\u00fcnstler machen k\u00f6nnen? Ich glaube Kunst wird einfach mitkonsumiert. Es gibt viele sch\u00f6ne Ideen, die das Leben bereichern oder sch\u00f6ner machen k\u00f6nnen, aber es wird mitkonsumiert und ist nicht mobilisierend. Dar\u00fcber bin ich traurig, auch dass die Street Art-Szene nicht mehr in diese Richtung aktiver wird. Sie machen tolle Sachen, aber es m\u00fcsste mehr Werke wie das auf der Cuvrybrache geben, die auf aktuelle Geschehnisse reagieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"665\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung-1024x665.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2694\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung-1024x665.webp 1024w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung-300x195.webp 300w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung-768x498.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung-1536x997.webp 1536w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung-18x12.webp 18w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/24_ratgeb_hausinstandbesetzung.webp 2000w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Waren Aufwertung und Verdr\u00e4ngung schon in den 1980er Jahren Themen, mit denen Ihr Euch als K\u00fcnstlergruppe auseinandergesetzt habt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals war die Situation ganz anders. Die Haus-Instandbesetzungen kamen dadurch, dass systematisch ganze Bezirke abgerissen werden sollten. Im Wedding ist das zum gro\u00dfen Teil geschehen, Kreuzberg war auch auf der Abrissliste, das ganze Quartier rund um die Oranienstra\u00dfe und die Naunynstra\u00dfe sollte abgerissen werden. Eine Autobahn und ein Gewerbegebiet waren geplant. Nat\u00fcrlich, wir waren damals unmittelbar damit konfrontiert. Ich als anf\u00e4nglicher Stadtplaner war in den stadtpolitischen Initiativen aktiv. Das war ganz konkret damals, es ging nicht mal darum, ein Gebiet aufzuwerten und umzuwandeln, dass es sch\u00f6ner und teurer wird. Man hat damals Schrott gebaut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganze Wohnungsbaugesellschaften wie die gewerkschaftseigene WIR, bzw. die Neue Heimat waren so eng mit der Politik verwoben, es gab einen starken Lobbyismus der Bauwirtschaft, die konnten ganze intakte Quartiere aushungern, zum Teil das Gas abdrehen, Wasser laufen lassen, Br\u00e4nde legen \u2013 und die Bewohner sind vertrieben worden, weil sie keine Perspektive mehr gesehen haben, dass sich etwas bessern k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieses Vakuum sind t\u00fcrkische Gastarbeiter als kurzfristige Zwischenmieter eingesetzt worden, dann Studenten und K\u00fcnstler, die billig oder kostenlos wohnen wollten. Trotz der widrigen Lebensumst\u00e4nde blieben sie und hofften auf Verbesserung in ihrem Sinne. Obwohl alle Signale auf Abriss standen, haben sich diese Bewohner mit ihren Kiezen identifiziert und sich nicht mehr verdr\u00e4ngen lassen. Den k\u00fcnstlich erzeugten Leerstand von Wohnungen und die geplanten Abrisse von hunderten Mietsh\u00e4usern konnte man nicht mehr hinnehmen. So verbeitete sich eine stadtweite Bewegung des Widerstands.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab dann die H\u00e4userk\u00e4mpfe. Stra\u00dfenschlachten, Demonstrationen, nicht mit 500 oder 1.000, sondern regelm\u00e4\u00dfig mit 30.000, 40.000 Leuten. Der Senat mu\u00dfte umdenken, er konnte seine Politik nicht mehr durchsetzen. Im Wedding schon, aber in Kreuzberg war es unm\u00f6glich. In Charlottenburg wurde der H\u00e4userbestand gerettet, aber verbessert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569-768x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2710\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569-768x1024.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569-225x300.webp 225w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569-1152x1536.webp 1152w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569-9x12.webp 9w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/17__DSF5569.webp 1500w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Die H\u00e4user-Instandbesetzungs-Bewegung hat mehrere Jahre die Berliner Stadtpolitik bestimmt. Am Ende wurden viele der Besetzungen legalisiert oder ger\u00e4umt. Welche Auswirkungen hatten die Proteste langfristig auf Berlin?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In Kreuzberg hat man die \u201eStrategie Kreuzberg\u201c ausgerufen mit dem Ziel, die Sozialstruktur beizubehalten, soziale Gewerbestruktur, behutsame Stadterneuerung. Und dann hat man die Internationale Bauausstellung (IBA) ausgerufen und hat alles durchsaniert, die vielen engen Hinterh\u00f6fe entkernt und wirklich Qualit\u00e4t f\u00fcr die Bewohner, die hier bleiben konnten geschaffen \u2013 bis heute. Viele vorher besetzte Hausprojekte wurden legalisiert, es ist ein tolles Leben hier entstanden, sehr beziehungsreich. Und jetzt ist es so attraktiv, dass andere, die uns damals als &#8222;Chaoten&#8220; verschimpft haben, hier spekulieren, aufwerten oder sogar selbst hier wohnen wollen. Der Tagesspiegel hat das letztens erkannt und titelte &#8222;Als Chaoten Kreuzberg retteten&#8220;. Die st\u00e4ndig so genannten Chaoten haben Kreuzberg tats\u00e4chlich gerettet \u2013 mit einer wertvollen Infrastruktur, einem wertvollen Geb\u00e4udebestand&#8230; Es ist ein tolles Leben entstanden \u2013 wenn man es leben l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dieses Leben ist derzeit gef\u00e4hrdet. St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck werden K\u00fcnstler rausgeschmissen, die migrantische Bev\u00f6lkerung rausgedr\u00e4ngt, die ganze Durchmischung wird sich \u00e4ndern und am Ende hat man eine nobilisierte, hippe, junge Gesellschaft, die geerbt hat oder tolle Jobs hat und sich das deswegen leisten kann, hier zu wohnen. Dazu m\u00fcsste mehr passieren! Ich gehe \u00f6fters zu Mieterinitiativen, da sitzen dann 20-30 Leute herum und wissen auch nicht richtig, was getan werden kann, ab und zu gibt es Demonstrationen mit bis zu 1.000 Leuten. Das r\u00fchrt anscheinend niemanden \u2013 und das bei diesen Vernetzungsm\u00f6glichkeiten und sozialen Medien, die es heute gibt. Solche M\u00f6glichkeiten hatten wir in den 1980ern nicht, wir haben handkopierte Flugbl\u00e4tter verteilt, aber 1.000 Ideen, wie wir das unter die Leute bringen konnten. Heute k\u00f6nnte man ganz schnell mobilisieren, von einem Tag auf den anderen \u2013 aber es geht kaum jemand hin. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung.webp\"><img decoding=\"async\" width=\"829\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung-829x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-2692\" srcset=\"https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung-829x1024.webp 829w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung-243x300.webp 243w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung-768x948.webp 768w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung-1244x1536.webp 1244w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung-10x12.webp 10w, https:\/\/testumgebung.lieblinge.org\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/16_demo_antivermummung.webp 1620w\" sizes=\"(max-width: 829px) 100vw, 829px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Stimmt denn die Parole \u201eSaubere W\u00e4nde = h\u00f6here Mieten\u201c, die immer wieder an H\u00e4user geschrieben wird?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss wieder gezieltere, bessere M\u00f6glichkeiten finden. Die reine Destruktion als Ausdruck um andere abzuschrecken, das wirkt vielleicht auch nicht mehr. Klar, es gibt vielleicht ein paar Immobilienh\u00e4ndler, die von ihren Vorhaben abkommen, weil sie keine Lust haben, dass ihr Auto in Brand gesteckt werden k\u00f6nnte. Aber ich glaube, die Kapitalmacht ist doch m\u00e4chtiger. Reine Destruktion wirkt deshalb nicht, weil man dadurch weniger Leute mitziehen kann. Eher schon solche Handlungsanweisungen wie in der Weisestra\u00dfe, auch, damit Menschen merken, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, wenn z.B. ihr Haus verkauft wird. Hausgemeinschaften k\u00f6nnten gemeinsam k\u00fcnstlerisch aktiv werden oder K\u00fcnstler einladen, die das f\u00fcr sie machen. Es muss mehr spontan gemacht werden, nicht so strukturiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar ist das f\u00fcr einen K\u00fcnstler toll, wenn er eine Wand kriegt, aber es muss sich mehr von unten im Kleinen aufbauen und erg\u00e4nzen \u2013 und dann kann sp\u00e4ter was Gro\u00dfes draus werden. Ansonsten ist das ganze Spektakel mit der Kunst tats\u00e4chlich ein Hilfsmittel, um Bezirke attraktiver zu machen \u2013 aber f\u00fcr die Spekulation. Das ist immer dieses Dilemma.<br><br><strong>Gibt es aktuelle Werke in den Stra\u00dfen, die Dir besonders gefallen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Weisestra\u00dfe in Neuk\u00f6lln steht an einer Wand ein Beratungstext: &#8222;Mieterh\u00f6hung\/Modernisierung \u2013 Was tun?&#8220;.Das finde ich eine tolle Idee! Das lesen die Leute auch, denn viele sind betroffen und haben Angst. Es ist nicht so, dass sich alle Menschen sicher f\u00fchlen. Aber man muss Zeichen finden, wie man das kommuniziert. Dass die Leute sich organisieren und eine st\u00e4rkere Mobilit\u00e4t entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Dank f\u00fcr das Gepr\u00e4ch!<\/p>\n<\/details>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Brunner geh\u00f6rt zur ersten Generation von Wandbildmaler*innen in Berlin. Als ehemaliges Mitglied der Gruppe Ratgeb (1977-1985) begleitet er seit Mitte der 1970er Jahre stadtpolitische Proteste mit Kunst und Intervention im \u00f6ffentlichen Raum. 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